Ja ja, es war zu lange still hier. Warum? Weil ich einfach besseres zu tun habe. So, ich hab es gesagt. Naja, ganz so war es nicht. Wenn wir die Ereignisse rückwärts aufrollen dann kann man die Gründe für die Stille so zusammenfassen: Pubs besuchen, ausgehen, Laptop kaputt, tanzen, feiern, Vater besuch, Skifahren, Flughafen, meand meand meand meand….
Kurz: Meine Wäschereifachkraft mit Reiskoch-Kompetenzen ist am 10. Januar nach Hause geflogen, Nike hatte angerufen, sie bräuchten ihre kleinen Finger an der Nähmaschine im heimatlichen Sweatshop. Bis dahin haben wir so viel Zeit wie möglich gemeinsam verbracht, ich habe ihr möglichst viele Kartoffeln und Würtschen aufgetischt, die Biographie von Thomas Anders mit der von Adolf Hitler verglichen und im allgemeinen erzählt warum Florian Silbereisen mein Gott ist. Alles damit sie nicht so Kulturgeschockt ist wenn ich endlich die Einfuhrpapiere für sie zusammen habe. Nach ihrer Abreise dann verbrachte ich einige Tage in den tiefen Tälern der Tränen. Es ist unglaublich kompliziert umzudenken wenn man gewöhnt war immer für zwei zu kochen, ein Bett zu teilen. Auf einmal ist Platz da und es bleibt sogar was übrig vom Essen, aber alleine kochen ist so spannend wie alleine im Kino einen Liebesfilm anzuschauen.
Dann kam mein Vater um Kanada Quebec kennen zu lernen. Das hat er auch getan. Untergebracht in einem schmucken kleinen Bed & Breakfast lernte er rasch die Vorzüge frankokanadischer Gastfreundschaft kennen und war völlig erstaunt wie wenig das hier alles mit den USA zu tun hat. Ähnliches erlebe ich auch nach Monaten immer noch. Die Leute hier, die sind wirklich an einem interessiert, das sind echte Freunde. Sie ergehen sich nicht in Worthülsen, Plattitüden oder Oberflächlichkeiten, die meinen das wirklich ernst. Nachdem wir für ein paar Tage Montréal ergangen haben, u.a. am kältesten Januartag seit 60 Jahren auf den Mont Royal gestiegen sind. Bei -35°C + Windchill den Ausblick auf die Stadt genossen haben und folgend viel Zeit im Untergrund der Stadt verbrachten ging es nach Mont Tremblant zum Skifahren. Lecker im übelsten Touri-Dorf, keine 10 Jahre alt, ein paar Schwünge in den Pulverschnee schneiden. Mont Tremblant, jedenfalls das Zentrum um die Liftstation des Hauptmassives ist Disneyworld ohne Disney, erbaut nach europäischen Vorbild ist es sehr Nordamerikanisch und es mieft nach Schmiergeld, Schutzgeld und Geldwäsche. Abgeshen davon ist der Schnee wirklich gut und es macht viel Spaß dort ein paar Runden zu carven. Die Konditionen waren super, der Schnee etwas härter als Pulver, aber immer noch besser als das Granulat welches man in den Alpen oft unter den Brettern hat. Die Leute da auf dem Berg können auch fast alle ordentlich Ski fahren. Nerd wie ich bin habe ich die gesamte Zeit mit meiner GPS Maus mitgeloggt wie schnell und wie weit wir fahren. Meine maximal Geschwindigkeit “soll” 88km/h gewesen sein, der Durchschnitt mit 56km/h ist aber auch nicht zu schlecht. Und Nerd wie ich bin habe ich mir erstmal beim Verleih Kinderstöcke mitgenommen, das war dann Spaß auf dem flachen Gipfel… zum Glück hat das keiner gefilmt.
Am nächsten Tag ging es Langlaufen, da habe ich dann auch meine Kamera mitgehabt und einige Fotos geschossen. Ich stand zum ersten Mal auf Langlaufskiern. Mein Vater hatte mich zwar immer gewarnt das ich beim Downhill in den Kurven aufpassen soll, aber heisspornig wie man es seinem Vater zeigen will habe ich seine Warnungen natürlich komplett ignoriert und durfte mich so ein paar Mal im Schnee wieder finden. Verdammt lang so Langlaufskier. In dem Märchenwald um uns herum gab es knapp 5 Milliarden Meisen die sobald man stehen blieb sofort angeflogen kamen. Entweder setzen sie sich auf den Kopf, Hand, Ski oder sonst wo hin. Um die Jahreszeit mit den wenigen Touris sind sie hungrig und wollen gefüttert werden. So hungrig, dass sie sich sogar auf einen Energieriegeln setzen wenn man ihn selber essen will. Naja, sind ja dennoch niedlich die kleinen Piepmatze. Wieder im Hotel las ich bei Wikipedia den Artikel über das Kerndorf von Mont Tremblant und dort fiel mir auf, dass ich einige Passagen schon mal gelesen hatte, gar nicht so lange her. Nach kurzem überlegen fiel mein Blick auf eine Werbeaufsteller des Hotels in dem wir residierten. In wikipedia standen tatsächlich Passagen 1:1 aus dieser Werbung. Als guter wikipedia User habe ich dann kurzerhand den Artikel angepasst. Jetzt ist er Werbefrei. Lang lebe Wikipedia und die Internet Demokratie.
Nach diesen Optimierung ging es am folgenden Morgen wieder gen Montréal. Ich setzte meinen Vater am Flughafen ab und er flog wieder nach Deutschland. Von angenehmen -13° C, Schnee und blauem Himmel in tristes umdienullgradundregen Wetter. Hi hi. Deswegen sind die Deutschen alle so grummelig und unfreundlich. Das Wetter ist schuld. Ehrlich, wenn ich hier so sehe wie die Kanadier sind, und die Quebecer gelten als nicht die freundlichsten, dann kann ich nur sagen das jeder Deutsche hier wohl als Kinderschänder gelten müsste. Aber genug von diesem Exkurs. Über Deutsche zu grummeln ist nicht besser als ein Deutscher Kleingärtner mit Zaunbau-Ambitionen zu sein.
Nachdem mein Vater also weg war musste ich erneut lernen für mich alleine zu sorgen. Mit der Hilfe vom Internet und Skype schlug das natürlich total fehl. Ich habe sogar wieder Fritten und McDonalds gegessen. Baaah. Überhaupt nicht organic – und damit Verachtungswert. In den Tagen nach der Abreise meines Vaters wollte ich viel am Rechner nachholen, u.a. mehr blogen, aber dann musste ja die eingebaute iSight, also Webcam, in meiner heiligen Maschine kaputt gehen. Also wieder zum Apple Store gelatscht und um Ersatz gebeten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine geniale Gravur in meinem Displaydeckel, Pacman wie er den Apple frisst. Tierisch stolz drauf und total erfreut das der Tech von Apple sagte “That is awesome” und mir erklärte das er sich auch sowas besorgen wollte, war ich mir sicher das ich das Display behalten konnte. Naja, also ich dann ein paar Tage später das Notebook abgab war ein anderer Tech da und der meinte meine Garantie sei futsch wegen der Gravur. Ich erklärte ihm dann an welcher Stelle genau seine Mutter mit seiner Erziehung versagt hatte und wieso seine Ansicht eine Qual für meine Augen sei und natürlich auch das eine solche Gravur die Funktionalität überhaupt nicht beeinflusste und dadurch keines Wegs die Garantie futsch sei. Lieb grinsend erklärte er mir “No no, it’s void, sir.” Danach erklärte ich ihm das ich ihm gerne eine Gravur verpassen würde. Nach einigem hin und her hat er dann mein Notebook doch angenommen “A one time exception, sir”. Ja ja, ihr und eure one time exceptions, denn am nächsten Tag war das Ding schon repariert, voller Freude renne ich in die heiligen Hallen, schüttle mir noch den Schnee vom Haupt nur um dann zu sehen das das neue LCD panel Schwachstellen hat die ich als guter Deutscher, pingelig und perfektionistisch, so nicht hinnehmen kann. Also mache ich ein richtig großes Fass auf, verlautbare das ich für mein Geld auch eine perfekt Maschine verlange, denn ich habe Pro gekauft und will auch Pro haben. Wieder nach einigem hin und her, unter anderem erneutem androhen von Freigravuren für alle Mitarbeiter im Laden, gab es dann eine erneute “one time exception”. Das Gerät würde dagelassen und 24h später konnte ich mein Baby wieder abholen. Dieses Mal mit einem der top panels die Apple verbaut.
Warum aber nun heißt der Beitrag Helga? Jeder Leser in seinen 20ern, der nicht gerade seine Jugend in Kellerräumen fern jeder sommerlichen Musikveranstaltungen verbracht hat wird vielleicht schon mal erlebt haben wie irgendwann besoffene Jugendliche – ach wie schön ist der erste Rausch der Jugend, so frei, so wild und so ohne Spätfolgen – über den Campingplatz schlurfen, in falsche Zelte fallen “Ohthschuldigung, duhassja ganix an, höhöh, ich machmichdannmawieda…höhööhö” und immer und immer wieder “HEEEEEELLLGAAAAA” brüllen. Das ist so ein Phänomen das mit den Jahren einfach anfing zu nerven. Die brüllen das aber immer noch, ich brülle natürlich mit. Es began wohl so das vor langer Zeit ein Mensch seine Frau oder Freundin Helga auf einem Campingplatz bei einem Festival “verloren” hat und sie eben mit ihrem Namen gesucht hat. Das fand dann das berauschte Volk so lustig, und nett wie nun mal alle auf Festival sind, halfen sie auch gleich mit. So brüllte dann irgendwann jeder auf jedem deutschen Musikfestival nach einer Helga. Ich weiß nicht ob er sie bis heute gefunden hat. Und wie das nun mal so ist mit Hypes, sie werden medial ausgeschlachtet, aber gleich einen Rechtsanwalt einsetzen?
Nun gut, kommen wir zum Kern des Themas. Bisher gingen 1297 Worte für nichts drauf. Diesen Freitag sind wir schmucke auf ein Outdoor Festival in Old Montreal gegangen. Ja, Outdoor. Ja, in Montréal. Ja auch hier ist es Januar. Ja, es war nachts. Ne, es war nicht kalt. Nur -4°C. Das ist nicht kalt, das ist sogar so warm das man schon wieder Miniröcke und Dekolletees sehen konnte. Hmmmmmm. Das ganze nannte sich igloofest und war zwar technoid, aber saugeil. Da neben einem Ami und einem Braslianer Tim und ich zwei Vertreter der Festivalgänger aus Deutschland darstellten ging es dann irgendwann ganz von alleine los und wir brüllten alle vier gemeinsam nach Helga. Hat leider nicht so Anschluss gefunden, aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Auf dem Weg nach Hause haben wir uns dann immer gut ordentlich in den Schnee gehauen, so das irgendwann vorbei kommende Kanadier mit dazu gesprungen sind. Die Kleidung war zwar total durchnässt, aber dank Bier hat man ja in einem gewissen Zustand enorme Abwehrkräfte “Nö, ich werde nicht krank, ne, mir ist nicht kalt.” Tim trug einige Blessuren davon, Marcos Gesicht war für einige Sekunden so tief im Schnee das er nicht atmen konnte und habe noch auf dem Heimweg in meiner steifgefrorenen Jeans gelacht.
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In den letzten Tagen ist noch mehr Schnee gefallen, so nahm ich mir meine Kamera und ging vor die Tür um mal alles etwas abzufotografieren. Weil mir gerade danach ist, präsentiere ich diese Serie mal in einem anderen Format, da ich meine bisherige gallery2 meinem Intentionen nicht mehr angemessen finde. gallery2 ist super um auf einem teuren, schnellen Server eine Masse von Fotos zu verwalten und zu präsentieren, aber ich will mehr hin zu der Selektion, der Auswahl von einigen guten Fotos und suche im Moment, mehr im Kopf als praktisch, eine solche Präsentation für das Web praktikabel umzusetzen. Hier also nun der erste Versuch einer solchen Präsentation.
Zum Abschluss des Beitrages noch 1-2 kleine Andekdoten warum Montréal Deutschland so derbe in den Arsch tritt:
1) Eine kleine Frau von offensichtlicher indischer Abstammung – vielleicht sogar 100% Inderin – ging in einem leichten Schneesturm über die Straße und brüllte dabei folgendes in ihr Headset: “Fucking snow… I hate this fucking country”. Ein an einer Fußgängerampel wartender Montrealer drehte sich leicht über seine Schulter um, schaute ihr nach und machte nur “Hehehehe”.
2) Vor mir an einer Ampel steht ein offensichtlich leicht verwirrter Mann mit einem zerbrochenen Hockeyschläger und winkt freundlich jedem Auto zu das vorbei fährt. Ich gucke um mich, neben mir steht ein älterer Herr mit asiatischen Zügen, er zieht die Schultern hoch und verziert amüsiert gleichgültig das Gesicht.
3) Du kannst auch leicht angetrunken eine hübsche Montrealerin ansprechen und fragen “Are you from Canada?” “Yes?!” “You lucky bastard”. Dann kommt ihr mächtiger Freund dazu, grinst freundlich und setzt das Gespräch fort. Stellt sich heraus die beiden mögen Deutschland sehr gerne und wünschen mir noch alles gute. Ich wollte sie ja gar nicht anmachen, mir war einfach nur so danach mich irgendwie langsam von den Kanadiern zu verabschieden in dem ich ihnen sagen wie gut es ihnen geht und wie freundlich sie sind.
Wenn ein Montréaler zu seinem Bus rennt, dieser ihm vor der Nase wegfährt, dann läuft er langsam aus, lächelt vielleicht sogar, aber in jedem Fall wartet er auf den nächsten Bus und nimmt es gelassen. Die Busse fahren eh meistens zu früh oder zu spät ab, pünktlich sind sie bei dem Schnee nie. Wenn mal wieder einer vor eine Metro springt und diese dann für eine Stunde steht, auch dann warten die Montréaler geduldig. Ich glaube sie warten dann einfach noch intensiver und mit noch mehr Sehnsucht auf den süßen Frühling, der im Mai über Montréal kommt und diese bunte Volk aus den weißen Gefängnissen herauslässt. Joggen gehen sie jedoch auch bei Eis und Schnee.
Das klingt vielleicht alles etwas Anti-Deutsch, aber ich überspitze das natürlich total. Dennoch, einige der Deutsche die ich hier getroffen habe sind so Deutsch, dass mir unfreundliche Kanadier wie sanftmütige Elben vorkommen. Liegt vielleicht auch daran das ich in zwei Wochen wieder in eine Aluzigarre mit Stummelflügeln steigen muss und in das matschige Frankfurt zurückkehre. Aber da warten dann ja meine Freunde und Familie, und dass entschädigt auch für den mächtigsten Kleingärtnerverein.


