Der erste Schnee ist gefallen. Die Bewohner von Montreal sollten daran gewöhnt sein. Jedes Jahr, in jedem Winter, irgendwann fällt eine große Menge Schnee auf ihre Häupter nieder, blockiert Straßen und glättet Gehwege. Für den ersten richtigen Schneefall des Winter sagten die Meteorologen 5 cm Schneedecke voraus. Die Stadt bereitete sich dementsprechend vor. Wirklich gefallen sind dann aber 50 cm+. Binnen Stunden totales Chaos auf den Straßen in der 1,5 Millionen Einwohnerstadt. Statt 30 Minuten Bus und Metro bis zur Uni plötzlich 60 Minuten, dann eine Stunde nur für den Bus. Oma mit ihrem Rolator überholt grinsend den Bus und süffelt dann genüsslich ihre heiße Diätschokolade als der American Appearal Mob eine Stunde später die Metro an der Uni verlässt.
Die Schneeräumer arbeiten “with their pants down”. Darauf war keiner vorbereitet. Vielleicht gerade weil die Schneeräumer mafiös organisiert sind und jeder der zu viel arbeitet von Schlägern heimgesucht wird (meine Quellen wollen anonym bleiben), sind sie absolut überfordert. Mit sehr, sehr großen Traktoren und Straßenmaschinen wird Straße für Straße von Schnee und Eis befreit. Die Gehwege bleiben für das Erste überfroren. Ein Gesetz wie in Deutschland, dass jeder Anlieger für den Teil seines öffentlichen Gehweges bis zur Straße verantwortlich ist, gibt es hier nicht. Je 20 cm Neuschnee kosten die Stadt umgerechnet 16 Millionen Dollar, dazu kommen die Zahlungen für Verletzungen die sich Passanten auf den Wegen zuziehen. Diese Zahlen sind hoch und ohne offizielle Bestätigung, aber ich habe sie von mehreren Monrealérn gehört, also halte ich sie mal für “ein wenig” glaubwürdig.
Die Gehwege hier sind extrem verschneit, das Mindeste was man tragen sollte sind Bergstiefel. Jede Straßenüberquerung gleicht waten in einem eiskalten Moor, so tief ist die halbgeschmolzene, versalzene Brühe an jeder Straßenecke. Kalt ist es auch, der Wind ist im Moment zwar recht mild und verhält sich ruhig, aber die Temperatur befindet sich auf jeden Fall in den Doppelminusgraden. Das hält jedoch die Damen von Montréal nicht davon ab in Minirock u.o. Strumpfhose durch die Gegend zu laufen. Selbst im harten Winter, so sich die deutsche Emma mit warmen Schlüpper und Strickzeug vor dem warmen Ofen verkriecht läuft die Quebecoise sexy wie eh und je über Matsch und Eis.
Es gibt aber noch einen anderen Schlüsselunterschied zwischen Quebec und Deutschland. Selbst im Rheinland, wo 5 cm Schnee mindestens so doll gefeiert werden wie Karneval am Rosenmontag, fahren nicht wenige Bürger in den Kofferräumen ihrer Autos Bretter, geriffelte oder gelochte Stahlschiene oder andere Werkzeuge durch die Gegend. Diese helfen ihnen aus verschneiten Parklücken ohne Aufwand wieder auszuparken. Werkzeug unter die Antriebsräder gelegt und sanft Gas gegeben, schon ist man auf der Autobahn gen Heimat. In Quebec, speziell Montréal läuft das anders. Ist das Auto eingeschneit wird der Motor angemacht, Heizung aufgedreht und die Karre für ne halbe Stunde laufen gelassen, dann kehrt man zurück um das restliche Eis abzuschlagen, steigt in das Automobil, schaltet auf D und gibt Vollgas. Wenn das nicht hilft, rollt man etwas zurück, gibt dann wieder Vollgas. Das macht man solange bis entweder der Auspuff abfliegt (alles schon gesehen) oder jemand am Auto vorbei läuft der helfen kann. Mir wurde gesagt im Winter dreht sich alles darum sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Das habe ich jetzt auch schön öfters erlebt und auch wiederholt gehört. Wo der Deutsche für einen Feldzug oder einfach nur Einkauf vorbereitet in sein Automobil steigt hat der Quebecois keine Sorgen und fragt einfache Sicherheitsbeamte, Schüler, Passanten ob sie das Auto nicht einfach etwas anschupsen könnten.
Heute habe ich einer Dame aus einer Parklücke geholfen, mittleres Alter, sprach fast nur französisch, lebte also schon länger in der Gegend. Sie wusste noch nicht einmal das man zum schieben eines Autos dieses in “N” für neutral schalten sollte und die Räder möglichst parallel zueinander stellen, also nicht eingeschlagen stehen lassen sollte. Nach einigen Versuchen half ein Sicherheitsmann der vom Parkplatz benachbarten Bank, denn das Auto machte die Angestellten nervös und gemeinsam drückten wir die Karre, in “D” geschaltet und mit der Hilfe von sanften Gas in die Parklücke. Derweil marschierte eine Kolonne aneinander geleinter Kindergartenkindern an uns vorbei und zwei orthodoxe Juden in einem X5 hupten aggressiv einen Civic zur Seite.
Die Montréaler helfen sich im Winter also gegenseitig. Wer das nicht glaubt, der sollte folgende Geschichte auf Wikipedia lesen: Ice Storm 1998
Nun aber genug des “schlimmen” Winters. Schnee und Eis haben auch ihr Gutes. Zum Beispiel kann man dann Schlittenfahren. Das kann man hier so richtig gut. Die Stadt hat Teile das Parks Mont Royal umzäunt und mit Heuballen abgesichert, so dass man mit voller Wucht bis zum Ende der Piste fahren und sich dann in die Heuballen stürzen kann, ein paar Meter von einer viel befahrenen Straße entfernt. An anderer Stelle des Parks ist es möglich im fortgeschrittenen Winter von einem Steilhang auf einen zugefrorenen See zu rodeln, also quasi eine sehr, sehr lange Auslauffläche zu nutzen.
Heute haben wir einen Teil dieser Möglichkeiten mit so genannten ”Magic Carpets” genutzt. Das sind Plastikmatten, etwas 5 mm dick mit Griffen an einem Ende, Kostenpunk inkl. Steuern $4.50. In etwa wie verbesserte Müllsäcke: Stabiler, länger und schneller. Mit solchen Geräten haben wir also gestern einen vereisten Hang ausprobiert. Folgend könnt ihr Fotos und ein Videozusammenschnitt davon sehen.
Und nun der neue, dieses Mal öffentliche, Vlog mit den ersten Winterimpressionen
[flv:http://blog.grundstil.de/Vlog/Vlog4.flv 540 303]
Als Bonus ein extra großer Zugverband mit Schneefräse
[flv:http://blog.grundstil.de/Vlog/Vlog4add.flv 540 303]
Oh gunnar, du musst mich mal mit zum “Schlittenfahren” nehmen! das sah geil aus
Denke doch wir sehn uns dann nächste Woche!
bis dahin “guten Rutsch”