Folgend nun ein kleiner Abriss über meine Eindrücke nach ein paar Monaten München. Wie immer mit einem kleinen Augenzwinker. Fühlen Sie sich angegriffen, so fehlt Ihnen Humor, da kann ich dann auch nicht helfen.
Nach einem Jahr Frankfurt dachte ich, der Schlipshölle entkommen zu sein. Vorbei die Zeit von gerade-zu-Geld-gekommen-und-das-jetz-auch-mal-zeigen-wollen. Ja, diese Zeit ist auch vorbei. Nahtlos angeschlossen hat sich eine Stadt, in der so ein Gehabe als unpassend bezeichnet wird. Hier sagt man einfach “mir San mir” und trägt nicht einfach dick auf, dick auftragen ist die Maxime des Lebens. So, wie es irgendwann normal geworden ist, dass aus dem Duschkopf Warmwasser rinnt, ist es hier für viele normal, nur die aktuellsten Sonnenbrillen zu tragen, während man von seiner sicheren Caféposition das Fußvolk beobachtet. Frankfurt mit München zu vergleichen, geht einfach nicht. Frankfurt liegt in der Mitte der Nation, bildet den Querschnitt der Nation ab. Von den Neureichen in fliederfarbenem Kaschmir, über die Urhessen in ihren Apfelweinstuben, bis hin zu den Offenbachern, die wie ungeliebte und ungeladene Verwandte immer wieder als gefühlte Schandflecke in der Stadt auftauchen. Frankfurt ist bunt und lebendig, nicht tolerant und lebendig – das ist Neuwied am Rhein. Nebenbei: Keine Stadt versagt so sehr dabei, einen Realitätsbezug zu ihrem Werbespruch herzustellen, wie Neuwied – muss man mal durchgefahren, nicht unbedingt ausgestiegen sein.
Zurück zu Frankfurt: Man muss dieser Stadt einiges hoch anrechnen. Sie hat ein sehr gutes Stadtradio, welches gelebtes und gewachsenes Multikulti widerspiegelt, “Radio X”. Sie hat ein paar Hochhäuser – jedenfalls mehr als andere Städte Europas –, aber in einer “Altstadt” hat sie auch eine intakte Partymeile, die dem Ballermann kaum nachsteht. Ein Kunde in meiner alten Arbeit sagte mal: “Small town, big city headaches”. Dies beschreibt Frankfurt sehr genau, allerdings hat Frankfurt nicht nur “big city headaches”, es hat auch die Farben einer Großstadt. Man hört viele Sprachen von vielen bunten Menschen, die dort nicht nur zu Besuch sind. Es gibt viele kleine, schöne Ecken, die entdeckt werden wollen. Natürlich ist die Stadt potthässlich an den meisten Stellen, nicht unbedingt dreckig, aber man braucht keinen Mietspiegel, um zu wissen, dass viele Wohnungen der Parterre regelmäßig durch Graffiti verschönert werden – ob nun Rollo unten, oder nicht. Dann gab es da noch die RAF, außerdem die Leitung der amerikanischen Armee, zudem verbaut sich ein kleiner Regionalflughafen vor lauter Ambitionen sein Gesicht und ja, ein paar Bankfilialen gibt es eben auch. Also das ist Frankfurt. ?Bevor wir den Weißwurstäquator überschreiten, sollte ich aber noch kurz über die Hessen reden: Die sind lustig, vor allem wenn sie den Mund öffnen. Der Frankfurter Dialekt ist dem rheinischen nicht unähnlich, besitzt aber auch einen Hauch des Fränkischen (aber sagen Sie das bloß nie) und würzt das ganze mit bayrischem Granteln (Oh Gott, niemals einem Frankfurter sagen). Ich bin nicht mit vielen Hessen warm geworden, da die Frankfurter ein Volk der Mitte Deutschlands sind: Herzlich wie Rheinländer, überzeugt wie Bayern, motzig wie Ossis und mitunter steif wie Norddeutsche.
Jetzt aber, endlich, zu den Münchnern. Ja mei.
“Mir san mir!”, das ist Programm; Heißt so viel wie “lass alles hinter dir, du bist jetzt hier und wir machen unser Ding, egal, was die Anderen denken”. Unser Ding heißt in dem Fall: eine Menge Biergärten, nackt Radfahren, immer schick aussehen (auch und gerade beim Lebensmitteleinkauf). “Mir san mir” bedeutet aber auch, dass wie und was andere denken und in die Stadt mitbringen relativ uninteressant ist. Da gab es zum Beispiel im Radio eine Anruferin, die nun in Oberbayern wohnt, aber ihre Wurzeln im Rheinland hat. Sie habe jetzt an Karneval die Musik der Heimat vermisst und bat um einen Karnevalsknaller wie “Da schwimmt ein Kölner” (Als Rheinländer kann ich sagen, dass so ein Lied nur von einer sehr kleinen, unbedeutenden Randgruppe gehört wird). Der Moderator reagierte darauf mit einer kleinen Ausführung, dass man im Süden rocke. Aha! Dazu brauche man Gitarren, ein zünftiges Schlagzeug und dann gehe das los. Danach spielte er AC/DC. Das ist doch mal gelebte Toleranz und Integration! Selber mal ausprobieren? Bestellen Sie doch einfach ein Brötchen beim Bäcker. Im besten Fall gibt es dann eine Semmel, im schlimmsten Fall dürfen Sie Ihr Anliegen solange wiederholen, bis Sie sich dem Kulturimperialismus ergeben. Ich empfehle die direkte, oberflächige Unterordnung mit anschließendem Guerillakrieg im sprachlichen Untergrund. Kölner zum Beispiel haben dazu Kneipen aufgemacht und treffen sich einmal im Monat zum Kölner Abend. Dieser ist, meiner Meinung, eher eine Touri-Veranstaltung, so wie weltweite Oktoberfeste nur die Außenwirkung des Oktoberfestes replizieren: Bier und Dirndl. So bedeuten Kölner Abende immer Karnevals-Hits und Kölsch. Ist ja auch nett, aber deutlich rheinischer fände ich ein gemütliches Beisammensein mit Kölsch und BAP in einer Kneipe, wo man sich kennt.
Weiter im Text zu den Sprachbarrieren: Wenn ich mal ein freundliches “Tschö” (Für Münchener: Is so etwas wie ein säkulares “pfiadi”) vom Stapel lasse, ernte ich entweder misstrauische Blicke oder ein ein süffisantes Lächeln. Rheinisch klingt in des Bayern Ohr wohl wie ein Bauarbeiter-Dialekt: anzüglich, proletarisch und einfach. Nicht selten verlasse ich das Büro eines Kollegen, der sich dann im Rheinisch versucht und irgendwie immer damit endet, nach Jup dem Polier zu rufen. Ich denke wir verdanken das den RTL-Comedysklaven, die Kölsch zu einem Dialekt des Profanen verkommen ließen. Aber immer noch besser als Sächsisch.
Daher zurück zu den Freunden aus München: Die Sonnenbrillen hatte ich angesprochen, Arsch breitsitzen im Café auch, die kulturelle Intoleranz ebenfalls, kommen wir nun zu den Hunden.? Dazu vielleicht folgendes: Diese Stadt ist sauber! Sauber von Dreck auf der Straße, unbayerischen Einflüssen und Ausländern – abgesehen von den Touristen natürlich. Die Dönerbudendichte ist sehr gering hier. Ich will nicht sagen, dass diese Stadt Ausländerfeindlich ist, man sieht sehr viele hier glücklich studieren und einkaufen, aber ich habe auch Krakeleien wie “NIEMALS ASIATEN” an Wohnungsgesuchen von fernöstlichen Studenten gesehen. Dazu dann noch die üblichen Türkenscherze und ein Landesparteivorsitzender, der “bis zur letzten Patrone” gegen kulturfremde Migranten kämpfen will. Wer ist denn Kulturfremd? Jemand, der nicht nach christlichen Werten lebt? Was sind denn christliche Werte? Unterscheiden sie sich so stark von denen des Islam oder asiatischer Kulturen? Ich denke nein. Das sind so Fragen, die man beantworten sollte, bevor man sich hinstellt und Mitbürger öffentlich geißelt.
Kommen wir nun zu Unschuldigen im Zirkus der Eitelkeiten des größten bayrischen Dorfes, kommen wir nun endlich zu den Hunden: Eine Stadt mit dermaßen vielen Hunden sollte eigentlich vor Hundekot stinken, so wie das Berlin gerne tut. Tut sie aber nicht. Die Wege der Stadt sind für die Menge an Vierbeinern sehr sauber. Mag auch daran liegen, dass hier viele eher Ratten als Hunde halten. Also das sind schon Hunde, aber von Statur und Gekläffe her gehen sie auch als hässliche Ratten durch. Vielleicht auch deswegen gehört es wohl zum guten Ton, im englischen Garten seinen Taschenkläffer in ein Mäntelchen zu packen. Sehr viele Hunde hier tragen die haut-couture der Hundedesignerschulen – die kleinen wie die Großen. Sind natürlich alles Rassehunde, die dort über die Rasen der Grünflächen streunen. Diese Stadt ist, wie gesagt, sauber. Ich will auch mal einen Hund besitzen, aus Protest wird es dann aber eine Promenadenmischung aus dem Tierheim, die auch noch im strengsten Winter ohne Mäntelchen dem gezüchteten Pudel den Genpool versauen darf. Was die Wahl der Hunde angeht frage ich mich, ob es da auch Charts gibt, nach denen sich der Modebewusste Tierfreund richtet. Sind Pudel überhaupt in? Tauscht man Kläffer dann auch wie die Sonnenbrille? Wer pflegt eigentlich die Hunde? Ich kann mir nicht vorstellen, dass zwischen Auslauf im englischen Garten, im Café sitzend Bedürftige beobachten und Porsche chauffieren noch viel Zeit bleibt für den Hund. Es muss ja auch noch Zeit für Shopping und Styling sein – und das Haus im Lehel verwaltet sich ja auch nicht selbst.
Wofür opfert der Münchener neben Hunden, Cafés und Statussysmbolen noch seine Zeit?
Zu Designerjeans, Lack-Daunenjacken und zu Rassehunden passen nun mal keine hässlichen Körper, also? – Richtig! Trimm dich! Flink wie reine Windhunde und zäh wie edles Leder sollt ihr sein, ihr Erben und Auserwählten. Also wird gelaufen. Natürlich in funktionalen, atmungsaktiven Edeltextilien, die zwar den Laufstil nicht verbessern, aber bestenfalls das Hinterteil in Position drücken. Vielleicht noch den Hund mitnehmen, wenn dessen Beine lang genug sind, ohne Hilfe den Boden zu berühren. Dann wird gelaufen, Fitnessstudios und Kurse besucht und dabei immer gut ausgesehen. Die Pulsuhr kontrolliert jede Bewegung. Die einen machen es, um das Weissbier vom Vortag abzubauen, die anderen, damit sie auch im eigentlich zu hohen Alter diese knatschenge, weiße Leggings anziehen können. In dieser Stadt wandern die Augen oft auf prominent ausgestellte Hintern, die an eigentlich faltigen Körpern einen gestrafften Gegenpol darstellen. ?Halten wir also fest: Diese Stadt läuft, grantelt, geht Gassi, lebt ihren Dialekt, hört zuerst Nachrichten aus München, dann Bayern, dann vom Rest der Welt und is(s)t gerne schick.
Kommen wir nun also zur entscheidenden Frage: Macht München Spaß? Ja!
Kommen wir also zur letzten entschiedenen Frage: Macht sie Spaß? Ja, doch, dennoch. Auch wenn sich diese Stadt mir irgendwie vehement in den Weg stellt, (wehe ich will mal ungeplant was unternehmen, geschweige denn ohne Bestellung einen Tisch im Café) macht sie Spaß. Man muss es auch zugeben: Die brauen verdammt gutes Bier hier unten! Biergärten gehören neben Religionsfreiheit auch zu den größten Errungenschaften der Zivilisation, insofern lässt es sich hier aushalten. ?Bei aller Freude über einsetzende Sommerfrische und erhöte Cabriodichte bestelle ich jedenfalls weiterhin Brötchen und Frikadellen und verabschiede mich anschließend mit einem freundlichen, sauber dahin genuschelten “Tschö”! Denn wenn jemand Kulturimperalismus lebt, dann sind das wir Rheinländer – und wir bringen Frohsinn und Geklüngel mit, das hat ausser einem kleinen Stadtarchiv noch niemandem geschadet.



