Die Bären fahren Zug

By July 19, 2017Russia, travel
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Preface

The following text is in German. Sometimes, but increasingly, I feel my English skills are deteriorating. I miss words, idioms, grammatical finesse. I’m not saying that my German is much better, but when I need to speak in metaphors and be more of a poet, then German is the weapon of choice.

The following text was written aboard the Trans Siberian Express. Three nights from Moscow to Krasnoyarsk, passing through four time zones. We had “platzkart” tickets, which is the third class and the only experience one should have aboard the Trans Siberian. Taking any touristic class disconnects you with the Russian people, with those who need this train to get home, get to work and who cannot afford and other transport. It’s the heart of Russia on rails and therefore demands poetic interpretation.

Die Bären fahren Zug

Aus großen, wilden Wäldern, von weiten Ebenen, aus engen Bärenstädten mit ihren hohen Häusern zerren die Bären ihre schweren Taschen, Tüten voller Honig und vergorenem Honignecktar zu ihren Bahnhöfen. Sie wollen auf große Fahrt, die fernen Wälder und Ebenen ihre Heimat erreichen. Mama-Bär zieht Baby-Bär einfühlsam aber eindeutig zum Waggon. Der lange, große Zug wartet auf seine neue Gemeinschaft. Aus Schloten über jedem Waggon steigt sanfter Rauch auf, es riecht angenehm nach Banja und Wald. Dass Teewasser für die lange Fahrt wird bereitet. So ein Zug ist gerne drei, vier oder auch sieben Nächte unterwegs, da trinken die Bären viel Tee, Suppe und vergorenen Nektar. Da braucht es warmes Wasser und nette Schaffner-Bären, die auf die die bunte Mischung aufpassen: Dass auch ein jeder sein Bett bezieht, den anderen schlafen lässt und die Toiletten nicht mit Fell verstopft.

An vielen Stationen steigen Bären hinzu, die meisten kommen aus den großen Bärenstädten. Da sind die Trinkbären, die nun Monatelang hart und trocken in den Honigminen schufteten und sich auf ein paar ruhige Tage im Zug, auf großer Fahrt freuen. Sie fahren zurück zu ihren Bärenhöhlen, wo Frau und Junges warten.

Im Zug ist das nationale Getränk der Bären, vergorener Honignektar, verboten, weil dann zum Beispiel der Grummelbär wieder so laut brüllt und alle aufweckt, oder weil dann wieder so viel Dreck auf der Toilette landet, dass diese verstopft für alle unbenutzbar wird. Die Trinkbären aus der Honigmine aber sind geschickt. Sie verstecken die Nektarflaschen zwischen Würsten, Brot, Gurken, gekochten Eiern, Wasser und Zahnbürste. Sie mischen den Nektar mit Tee. So riecht und sieht man ihn nicht. Mal direkt nach dem Einstieg, mal vor Nachtruhe, mal zum Sonnengruß nach der Nachtruhe.

Inzwischen fahren wir vorbei an Wiesen, Wäldern, vorbei an alter Industrie und kleinen Dörfer den Osten. Grummelbär musste leider den Zug verlassen, er rief zu laut Aluah Akbar und machte den lauten Ruf des Trinkbären mit dem dunkleren Fell nach, so als ob der nicht einer der Seinen sei. Dieser aber hatte Mama-Bär und Baby-Bär geholfen, alle hatten ihn gern, also muss Grummelbär gehen.

Es gibt da noch den Tanzbär. Der Tanzbär hört gerne Musik aus dem Ausland, transkribiert die Wörter die er hört mit Sprache die er kennt und freut sich dann sehr, als ihm endlich jemand übersetzt, was in dieser fremden Sprache wirklich gesungen wird. In der Schule wollte er nicht aufpassen und dann, als er sich anstrengte, rief ihn die Armee zum Dienst an der Bienenflak. Nun fährt er, wie die Trinkbären, nach langer Arbeit zurück zu seiner Frau-Bär. Der Tanzbär teilt gern. Auch seine Musik, sehr laut, zu laut, den ganzen Tag. Aber auch all seine Süßigkeiten mit einem Baby-Bär, der ganz aufgeregt neben im Platz nahm. Viele Bären erzählen gerne ihre Geschichte, bei Karten und nach ein paar Schlückchen Nektar sogar noch lieber. Ist die Sprache auch fremd, ein Übersetzer findet sich bestimmt und wenn nicht, helfen Tatzen und Mimik das Wichtigste zu übertragen.

Es gibt auch die Schlafbären. Sie sind etwas später eingestiegen, in einer kleineren Stadt, als die meisten Bären nach Kartenspiel, Nektar und erzählten Geschichten erschöpft eingeschlafen waren. Die Schlafbären haben nach Zustieg ihre Betten bereitet, sich in die selbigen begeben und diese seitdem auch nicht mehr so recht verlassen. Ja, zu Essen, frischem Teewasser oder wenn die Natur ruft, dann ja. Trinkt Herr Schlafbär seinen Tee, so dann schlürfend im Takte des sanften Schnorchelns seiner Gattin, deren Fortbewegung auf vier Pfoten einzig dem Gang zur Notdurft vorbehalten scheint. Für ein wenig die Beine anziehen um Platz zu machen für einen der Trinkbären, der eigentlich über ihnen wohnt, reicht die Energie noch, aber ansonsten schnarchen und drehen sich die Schlafbären den ganzen Tag.

Nach weiter Strecke stießen dann Jungbären zu der bereits gefestigten, wenn auch an jeder Station leicht wandelnden Gemeinschaft. Sie sind auf dem Weg zu einem großen Honigfest in einem weit entfernten Wald. Diese Jungbären sind noch nicht Papa- oder Mama-Bären, überhaupt, suchen sie gerade nach einem Bären für sich. So nähern sich die Jungbären bei Karten und Tee, bei Suppe und Musik aneinander an. Zeit genug ist ja. Dabei achten sie, ganz Jungbär, weniger auf die Gemeinschaft um sie herum.

Die Bären im Zug teilen gern. Sie teilen ihren Honignektar, ihre Spielkarten, ihr Essen. Jeder Bär hilft einem anderen, auch wenn man sich nicht kennt. Nicht alle Bären sind immer nett, manche sind frech, manche eigensinnig, aber gegeben und geteilt wird, was da ist. Und wenn dann noch ein Baby-Bär an Bord ist, dann sind alle Bären entweder Onkel-, Tante-, Oma- oder Opa-Bär.

Mich haben die Bären freundlich aufgenommen. Mit Übersetzbärin bin ich in Waggon 10 vom diesem langen Bärenzug gestiegen um in die Bärenhöhle ihrer Heimat zu reisen. Übersetzbärin ist meine Kuschelbärin, was die anderen Bären mir gegenüber wohl gewogen sein ließe. So mussBen sie mir nicht alles mit Tatzen und Verrenkungen der Schnauze erklären. Viel wurde mit mir geteilt, von Honignektar direkt nach Zustieg, über Früchte bis hin zu alter Währung des untergegangenen Weltreiches der Bären.

Der kräftige Händedruck des Opa-Bären, seines Zeichen stolzer Offizier der ehemaligen Rotbärenarmee, wurde mit dem Hinweis begleitet, es sei besser Freund mit den Rotbären als Feind des Waldes zu sein. Fragmente von diesem Weltreich, dem Wald aller arbeitenden Bären, bezeugen am Rande der Zugstrecke, wie ein archäologisches Freilichtmuseum, von der Eroberung und folgenden Bedeutungslosigkeit dieser unendlichen, grünen Weiten. Andere Bären, Stolz in den Zeiten des Waldes für alle, haben nach dessen Niedergang ihren festen Händedruck, festen Griff um schweres Gerät mit einem festen Griff um die Flasche des Honignektar getauscht, dem Untergang des Reiches den persönlichen beigesteuert.

So ziehen Kilometer um Kilometer, Birke um Birke, Sumpf um Sumpf, Ruine um Ruine vorbei, bis ein jeder Bär an seiner Höhle oder Mine angekommen. Wenn Bären die kleine Gemeinschaft verlassen, verabschieden sie sich von ihren nächsten Bären und wünschen sich alles Gute, aber im Ernsten. Es gibt keinen zwanghaften Austausch von Kontaktdaten oder Schmieden weiterer Pläne. Dieses Zusammenkommen, dieses Gemeinschaftliche, gehört zu der Seele der Bären. Es ist eine kleine Geschichte, wie sie täglich geschieht in diesem, noch existierenden Reich der Bären.

Schon Morgen wieder fährt ein neuer, langer Bärenzug ab, sammelt Schlafbären ein, streift Grummelbären ab und hält immer genügend warmes Wasser für die Bärengemeinschaft im Kessel.

Gunnar

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